Klanglieferservice


27.05.20
Gabriela Kaegi – Musikjournalistin

Celebration of NO by Sorrel Hays
«Keifig und diffus» - nannte der Kritiker der New York Times die Komposition «Celebration of NO». Man möge es ihm nachsehen, es war 1987! Warum die Aufregung? Die US-amerikanischen Komponistin Sorrel Hays war angetan vom Klang und der Kraft des Worters NEIN und hat Frauen aus 21 Kulturen und in 21 Sprachen gebeten, ihre Neins in ein Mikrofon zu sprechen, singen, schreien, flüstern. Die hat sie dann, zusammen mit Warnschreien von Vögeln, zu einer Klanginstallation verarbeitet. Celebrations of NO ist in vielen Ländern aufgeführt wurden, unter anderm auch an der Documenta 8.

Sorrel Hays ist übrigens im Februar gestorben. R.I.P

Celebration of NO by Sorrel Hays


26.05.20
Désirée Meiser – künstlerische Leiterin des Gare du Nord

«God bless the child, that got his own» sang einst die legendäre Billie Holliday.
Hier eine Verbindung zu Roland Moser zu ziehen, scheint im ersten Moment vielleicht absurd. Aber im Portait zu Ehren seines 70.sten Geburtstages wird es klar. Roland Moser ist nicht nur ein wunderbarer Komponist mit einer immer wieder frappierenden Klangsprache. Sondern er war zudem auch ein legendärer Kompositionslehrer der seinen Studenten vor allem eines abverlangte: ihren ureigensten Klang zu finden. Im Gespräch mit Cécile Ohlshausen erfahren wir viel über Roland Moser, sein Credo und seinen musikalischen Kosmos.

Roland Moser


25.05.20
Pavel B. Jiracek – Operndirektor am Theater Basel

Musical-Film-Quiz: Was haben Deborah Kerr in «The King and I», Audrey Hepburn in «My Fair Lady» und Natalie Wood in «West Side Story» gemeinsam? Sie alle besitzen, hört man genau hin, dieselbe Gesangsstimme. Zufall? Nein – denn keine dieser Schauspielerinnen sang ihre Musicalpartie im jeweiligen Film selbst. Während die Hollywood-Diven ihre Münder bewegten, war es die Sängerin Marnie Nixon (1930-2016), die ihnen ihre Stimme lieh und das Filmpublikum weltweit (unbekannterweise) damit begeisterte. Die Diven sahnten Ruhm und Erfolg ab, Marnie Nixon blieb weitestgehend unbekannt. Noch weniger bekannt ist, dass Marnie Nixon auch eine gefragte Interpretin zeitgenössischer Musik war. Im folgenden Link kann man sie mit «5 Liedern nach Gedichten von Stefan George, op. 4» von Anton Webern bewundern – und denkt dabei vielleicht insgeheim: «I could have daaaaaanced all night….».

«5 Liedern nach Gedichten von Stefan George, op. 4» – Marnie Nixon


24.05.20
Florian Hauser – Musikjournalist und Musikredaktor

Wenn sich ein junger Mann Anfang des 20. Jh. mit einer Klaviersonate dem Publikum als Komponist vorstellt, wenn diese Klaviersonate sein offizielles op. 1 ist und wenn er das Ganze nicht irgendwo in der Provinz, sondern in Wien macht, der Stadt mit einer geradezu erdrückend einschüchternden musikalischen Vergangenheit von Mozart bis Beethoven, Schubert, Brahms und und und – dann zeugt das von einem gewissen Selbstbewusstsein. Und das hatte Alban Berg, als er nach sechsjähriger Lehrzeit bei Arnold Schönberg dieses einsätzige, rund 10 Minuten lange Stück schrieb. Mit einem Anfang, der wie ein Ende klingt – und auch im übertragenen Sinn ein Ende ist. Ein Übergangswerk zwischen Spätestromantik und Moderne. Zart im Ausdruck, irgendwie versonnen. Doch unter der Oberfläche brodelt es: Die Themen und Motive sind unauflöslich miteinander verbunden, die vorgezeichnete Grundtonart sucht man in den meisten Takten vergeblich.
Es gibt eine tolle Aufnahme mit dem Ausnahmepianisten Glenn Gould, der jedem einzelnen Ton nachhört, als ob er ihn halten möchte……

Glenn Gould - Berg, Sonata for Piano op. 1


23.05.20
Roland Moser – Komponist

Klaus Huber (aus seiner Werk-Einführung)
Ein Hauch von Unzeit (1972) – Plainte sur la perte de la réflexion musicale
«Ein Hauch von Unzeit» entstand zunächst in einer Fassung für Flöte allein, die Aurèle Nicolet gewidmet ist. (...)
Der Untertitel «Plainte sur la perte de la réflexion musicale...» - Spielanweisung und «unzeitgemässes» Programm in einem – weist zugleich auf die Herkunft jenes klagenden Anfangsmotivs, das aus der Zeit in die Unzeit wandert: Die «Plainte» betitelte Chaconne aus Purcells Oper «Dido und Aeneas». (...)
Fast gleichzeitig schrieb ich eine zweite Fassung, für Klavier (pour piano à une main et demie...), die bereits Ansätze zu der im «Programm» angedeuteten quasi kanonischen Version des Stückes ausformuliert.
Die multiple Version – Ein Hauch von Unzeit III – verwirklicht einen Schwebezustand zwischen strengem Kanon und Aleatorik, indem jeder der im Raum verteilten Musiker seine «idiomatische Umsetzung» des Flötenparts ins Ensemble einbringt. Die Omnipräsenz der Musik, ihrer Motive, ist nicht nur im Raum, sie ist auch in «fluktuierender Gleichzeitigkeit» vorhanden.
Damit war meine ausdrückliche Aufforderung an potentielle Interpreten gegeben, eigene Einrichtungen des Werkes auszuarbeiten. (...)
Kommentar zur Fassung des «Ensemble Neue Horizonte Bern» für fünf Ausführende: Es handelt sich quasi um eine «historische Aufnahme» anlässlich eines Konzerts im Radio Bern am 28. Februar 1976 (Technik Peter Bohren), ca. 1978 erschienen auf einer Doppel-Schallplatte des Ensembles: Jecklin disco 544/45
Matthias Bruppacher spielt den integralen ursprünglichen Flötenpart.
Niklaus Sitter, Klarinette, spielt eine adaptierte, transponierte Version.
Urs Peter Schneider spielt aus Hubers originaler Klavierfassung.
Erika Radermacher singt eine von Huber mit Texten von Hegel und Bense eigens für sie geschriebene Fassung.
Roland Moser spielt eine eigene fragmentierte Version für elektronische Orgel.
Das Ensemble hat den «Hauch von Unzeit» auch mehrmals mit Klaus Huber zusammen aufgeführt, wobei er eine eigene Fassung selbst auf der Bratsche spielte.
Vor einigen Tagen erreichte uns die traurige Nachricht, dass unser damaliger Klarinettist Niklaus Sitter am 2. April im Bangkok Hospital von Pretchaburi gestorben ist an den Folgen eines Corona-Virus Infekts. Er war Gründungsmitglied des Ensembles. Seit einigen Jahren lebte er mit Familie in Thailand.
Wir möchten diese neu aufgetauchte Aufnahme von Hubers «Hauch von Unzeit», in der Niklaus Sitter mitspielt, seinem Andenken widmen.
Im Namen des von Urs Peter Schneider geleiteten Ensemble Neue Horizonte Bern
Roland Moser

Ein Hauch von Unzeit (1972) – Klaus Huber


22.05.20
Michal Lewkowicz – Klarinettistin und Künstlerische Leiterin Mizmorim Festival

Es gäbe viel zu sagen über die Entwicklung der Zeitgenössischen Musik durch das 21. Jahrhundert hindurch, aber der vielleicht bemerkenswerteste Aspekt ist der beispielslose Zugang vom Publikum zu den Komponisten und die symbiotische Verbindung zu uns Musikern. Dass wir Teil ihres kreativen Schaffens sein können, ermöglicht eine tiefere Verbindung zu Komponisten und deren Musik – und inspiriert auch unsere eigene Kreativität.
In dieser geistigen Verbundenheit möchte ich gerne den Deutschen Komponisten Sven-Ingo Koch hervorheben. Die für mich angemessenste Art und Weise, seine Musik zu fassen, ist vielleicht, sie durch dessen Verbindung zur Tradition der Deutschen Romantik zu sehen, - unter Verwendung der expressiven Klangsprache der Zeitgenössischen Musik. Seine Musik ist eine Verflechtung von Emotionen, Intelligenz, Eleganz und – am allerwichtigsten – Ehrlichkeit.
2012 hatte ich das Glück, mit dem Komponisten ein Interview zu führen. Als ich ihn fragte: ‚Was heisst für Dich komponieren?’ gab er mir diese äusserst ehrliche Antwort: ‚Komponieren heisst für mich, auf das, was rund um mich herum zu hören und zu sehen ist, zu reagieren (sei es bewusst oder unbewusst) und auch darauf zu reagieren, was ich fühle. Komponieren ist der Versuch, etwas Schönes, Einzigartiges zu schaffen, um das musikalische Erlebnis eine andere Stufe erreichen zu lassen. Komponieren heisst aber auch: Mit dem Material umzugehen, so wenig als möglich zu verwenden und daraus so viel wie möglich entstehen zu lassen.’
Sven-Ingo Koch, ein Komponist, den es zu entdecken lohnt, - falls Sie ihn noch nicht kennen.

Sven-Ingo Koch


21.05.20
Fritz Hauser – Schlagzeuger

Die ersten Klänge aus Morton Feldman’s «For Bunita Marcus» habe ich noch im Treppenhaus gehört. Ich war damals - gefühlt vor ca. 100 Jahren -, auf dem Weg in die Wohnung von Hildegard Kleeb und Roland Dahinden in Basel, als Hildegard an diesem Stück arbeitete. Da muss wie beim Miniaturen malen jedes Detail aufs Feinste herausgearbeitet werden und gleichzeitig soll der alles überspannende Atem entstehen. Die vorliegende wunderbare Aufnahme hat mich nun über viele Jahre an alle möglichen Orte der Welt begleitet. Man kann sie beim Reisen hören, im Zug oder im Auto, man kann sie im Wartesaal oder im Hotelzimmer, auf dem Spaziergang oder im Museum oder im Wald hören: Die Musik ruft eine wunderbare Ruhe und Aufmerksamkeit hervor. Türen öffnen sich, Perspektiven werden angedeutet, Stimmungen angetupft. Nichts wird überlaut behauptet, nichts wird wehleidig besungen. Es klingt und atmet, entwickelt sich und vergeht. Wie das Leben.

«For Bunita Marcus» – Teil 1
«For Bunita Marcus» – Teil 2
«For Bunita Marcus» – Teil 3


20.05.20
Pavel B. Jiracek – Operndirektor am Theater Basel

Sind die Radfahrer an allem schuld? Wer weiss das schon. Und ob Kurt Tucholsky dies nun behauptet hat oder nicht (wie kolportiert wird) sei dahingestellt. Fakt ist: Wenn wir in einer post-Corona-Zeit irgendwann wieder in Grüppchen auf die Drahtesel steigen dürfen, möge uns allen «Eine Brise» um die Nase wehen – und um die Ohren (zumindest dann, wenn Mauricio Kagel sie in die Welt gesetzt hat – als «Flüchtige Aktion für 111 Radfahrer»).

«Flüchtige Aktion für 111 Radfahrer» – Mauricio Kagel


19.05.20
Käthi Gohl Moser – Musikerin

Teresa Carrasco ist jemand, der hinhört, auf Alltägliches und auf gar nicht Alltägliches – um darauf in ihren Werken einen sehr eigenen Weg zu gehen, einen spannenden Weg mit Bezügen zu vielen Lebensbereichen - allerdings ausgestattet mit einem beeindruckend grossen Rucksack an Studien in vielen Ländern und einem PhD.
Nun leitet sie einen der innovativsten Studiengänge einer Schweizer Musikhochschule, Sound Arts an der Hochschule der Künste Bern. http://www.tcarrasco.net/
Ein weiteres subtiles und differenziertes Portrait von Cécile Olshausen auf SRF2 Kultur.
Sendung SRF 2 Kultur Musik unserer Zeit von Cécile Olshausen vom 8. Januar 2020

Die Sound-Art-Künstlerin Teresa Carrasco


18.05.20
Mark Sattler – Dramaturg Lucerne Festival

Zu Friedrich Hölderlins 250 Geburtstag, Briefoper «Hyperion von Walter Zimmermann»
Zur Musik mit den Solisten Beth Griffith – Diotima, Björn Waag – Hyperion, Richard Salter – Alabanda, D. E. Sattler – schreibender Eremit, Ensemble 13, Leitung: Manfred Reichert hat Walter Zimmermann einen Film gemacht. Er zeigt D. E. Sattler (Herausgeber der Frankfurter Hölderlin Ausgabe) beim Schreiben der Eremitenbriefe aus Hölderlins Hyperion, wie sie auch in der Briefoper live geschrieben und projiziert wurden.
Walter Zimmermann schreibt dazu: «Ich bin ein Verehrer von Jean Marie Straub, und so wollte ich bei der blanken Verfilmung des Schreibenden bleiben, auch wenn es den heutigen Gepflogenheiten des dramatischen Bildwechsels widerspricht. Die Musik ist auch nicht synchron zu dem Geschriebenem; am Schluss vor 'Wenn aus der Ferne‘ fließt sie mit dem Geschriebenen zusammen, um dann im Epilog synchron sich zu verweben.»

Zu Friedrich Hölderlins 250 Geburtstag, Briefoper «Hyperion von Walter Zimmermann»


17.05.20
Gabrielle Weber – Redakteurin SRF 2 Kultur / Kuratorin neo.mx3.ch

Janet Cardiff, The forty part motet
Wenn wir physisch schon nicht reisen können: machen wir uns doch auf zu einer Zeitreise, weit zurück in die Vergangenheit und zugleich in die Zukunft. Ich beobachte an mir das Bedürfnis nach Körperlichkeit im Klang, und nach Immerwährendem, wie bspw. der Musik der frühen Renaissance. In der Klanginstallation The forty part Motet lässt uns Janet Cardiff eintauchen in Thomas Tallis' vierzigstimmige Motette Spem in alium aus dem Jahr 1573. Vierzig im Oval aufgereihte Lautsprecher bilden einen virtuellen Chor, wobei jeder Lautsprecher eine Einzelstimme abbildet und damit jeder Sängerin, jedem Sänger einen eigenen akustischen Raum und Körper verleiht. Nicht zuletzt durch mitaufgenommenes Murmeln, Räuspern, Husten und Rascheln werden die Sängerinnen und Sänger des Salisbury Cathedral choir zu normalen, fast realen Personen... «down to earth» in den Worten Cardiffs. Und bald 500Jahre Musikgeschichte erstehen durch die Verbindung mit neuster Technologie neu, lebendig und erdverhaftet - einfach und doch hochkomplex, körperlich und immerwährend..

Im ersten Video erklärt Janet Cardiff die Installation (San Francisco) selbst, im anderen ist sie in Göteborg kommentarlos, aus der Optik von Besuchenden, mitzuerleben, und um die Motette auch hochqualitativ zu hören: anbei eine reine Sound-Aufnahme durch den Taverner-choir/EMI.

Janet Cardiff, The forty part motet: Fort Mason Center / San Francisco, 2015
Röda Sten Konsthall, 2015, Göteborg
Thomas Tallis: Spem in alium, Taverner-Choir / EMI


16.05.20
Anja Wernicke – Geschäftsführung und Zentrale Produktionsleitung ZeitRäume Basel

Ich liebe es Dokumentarfilme zu musikalischen Themen anzuschauen. Nicht nur die Musik, sondern auch die Menschen und Kontexte dahinter kennenzulernen, finde ich überaus spannend. Auf der Plattform www.artfilm.ch, die ich dank des Stadtkinos Basel entdeckt habe, gibt es eine erstaunliche grosse Sammlung von Musik-Dokumentarfilmen, z.B. «Melody of Noise» u.a. mit dem Schlagzeuger Julian Sartorius, oder «Step across the border» mit dem Gitarristen Fred Frith oder «Dieter Roth». Der Zugang ist nicht gratis, aber günstig.

artfilm.ch


15.05.20
Pavel B. Jiracek – Operndirektor am Theater Basel

Katzenjammer adé: Durchzechte Nächte sind (Corona sei Dank!) derzeit nur in der Isolation und im eigenen Partykeller möglich. Schön war es, als es noch anders war – und «am Morgen danach» bisweilen Klänge zu hören waren wie in Paul Hindemiths beschwipster «Ouvertüre zum FLIEGENDEN HOLLÄNDER, wie sie eine schlechte Kurkapelle morgens um 7 am Brunnen vom Blatt spielt». Na dann… Prost!

«Ouvertüre zum FLIEGENDEN HOLLÄNDER, wie sie eine schlechte Kurkapelle morgens um 7 am Brunnen vom Blatt spielt»


14.05.20
Kathrin Hauser-Schmolck – Public Relations for Music / Pressesprecherin der Münchener Biennale – Festival für neues Musiktheater

Kennen Sie Cathy van Eck? Performerin und Komponistin. Sie macht ein Musiktheater, das die Fantasie anregt, alltägliche Dinge mit anderen Augen sehen lässt und uns die Ohren ganz neu öffnet. Am 21. Mai hätte sie zusammen mit dem Regisseur Schorsch Kamerun eine Uraufführung an der Münchener Biennale haben sollen. Trotz Abstandsregeln und Kontaktverboten (und zarten Lockerungen, Aufatmen, Hoffnungen auf den Impfstoff) wird es die Uraufführung am geplanten Premierentag aber dennoch geben. Und zwar in einer ersten Fassung als Hörspiel beim Bayerischen Rundfunk/Bayern 2: «M (1) - Eine Stadt sucht einen Mörder (Wer hat eigentlich Angst vor was eigentlich?)».
Und wenn Sie vorab schon mal die spezielle Kunst der Cathy van Eck ein bisschen kennenlernen möchten (es lohnt sich!), werden Sie hier fündig:

Klangkunst mit Cathy van Eck


13.05.20
Michal Lewkowicz – Klarinettistin und Künstlerische Leiterin Mizmorim Festival

Ysaÿe's Secret Sonata
Eugène-Auguste Ysaÿe (1858–1931) war ein belgischer Violinist, Komponist und Dirigent. Er galt als 'König der Violine' und als führender Interpret der Literatur für Streicher französischer und belgischer Komponisten seiner Zeit.
1923 komponierte Ysaÿe die Sechs Sonaten für Violine solo op. 27. Die Sonaten wurden für sechs junge Violinisten der neuen Generation erdacht, die Ysaÿe besonders bewunderte: Joseph Szigeti, Jacques Thibaud, Georges Enescu, Fritz Kreisler, Mathieu Crickboom und Manuel Quiroga. Diese Sonaten sind zum Teil autobiographisch und beinhalten persönliche verpackte musikalische Nachrichten. Es war eines von Ysaÿes Zielen, die Charaktere jedes einzelnen Musikers aufzuzeigen und so ein musikalisches Portrait zu schaffen.
2018 – fast ein Jahrhundert später – tauchte in Brüssel ein verlorenes Notizbuch auf, das eine fast vollendete und bislang unbekannte siebte Sonate enthielt. Die Entdeckung dieser unbekannten Solo Sonate aufnehmend, folgt diese Dokumentation dem Violinisten Philippe Graffin, wie er die Spuren Ysaÿes auf der ganzen Welt aufnimmt.

Ysaÿe's Secret Sonata


12.05.20
Marcus Weiss – Musiker und Saxophonist

Das letztjährige «Festival Rümlingen» war mal wieder auswärts, nämlich im Unterengadin, zog sich dem Inn entlang mit verschiedenen Stücken, Performances, Installationen. Einiges davon wurde am 16. November in einer Nachlese in der Kirche Rümlingen in einem Konzert präsentiert das Radio SRF mitgeschnitten hat. Zum einen das Stück «Stones» von Christian Wolff. Während der Komponist es im September, am Festival selbst, im Fluß stehend spielte, waren die Interpreten des Nachlese-Konzertes Sylwia Zytynska und Christian Dierstein. Das zweite Stück war das im Engadin uraufgeführte Duo «In mia vita da vuolp – In meinem Leben als Fuchs» das Beat Furrer zu Texten der Engadiner Dichterin Leta Semadeni komponiert hat. Auch sie ist nach Rümlingen gekommen und las einige ihrer eindrücklichen Gedichte. Das Stück wird gesungen und gespielt von Rinnat Moriah, Sopran und Marcus Weiss, Baritonsaxophon.
Das Zusammenkommen von Beats Musik, der Uraufführungsort Engadin, die Zusammenarbeit mit Rinnat, dann aber auch das Hören der sehr schönen Version von «Stones» des wunderbaren Christian Wolff durch Sylwia und Christian in der Rümlinger Kirche, die Lesung Letas, sind für mich viele kleine emotionale Höhepunkte, die diesen späten Abschluss des Festivals zu einem der schönsten Momente der letzten Saison wurden ließen.

Rinnath Moriah (Sopran), Marcus Weiss (Saxophon), Leta Semadeni (Lesung), Sylwia Zytynska (Schlagzeug), Christian Dierstein (Schlagzeug)

Konzert vom 16.11.19, Kirche Rümlingen
Rümlinger Nachlese


11.05.20
Gabriela Kaegi – Musikjournalistin

«Life at the Zoo» – was für ein tolles Projekt!
Tom Gsteiger und Wolfgang Zwiauer laden Musikerinnen und Musiker in ihr Studio «The Zoo» ein, wo sich bis maximal vier Leute - mit gebührendem Abstand - zu einer vierstündigen Aufnahmesession treffen können. «Spontaneität statt langweilige Perfektion» so die Devise. Was entsteht, wird ins Netz gestellt.
Und: wer beim Projekt mitmacht, wird auch dafür bezahlt.
Chapeau!
Aber nicht alle können ihre Sachen packen und nach Bern reisen. Und so werden diese Meetings mit Grüssen aus den Wohnstuben- und Probekeller-Studios ergänzt.

My favorite:
Life at the Zoo – Anna Trauffer

Und zum Entdecken und Verweilen:
Life at the Zoo


10.05.20
Theresa Beyer – Musikjournalistin SRF2 Kultur

Ist die Krise schon Alltag geworden? Ist die Stadt da draussen noch die selbe? Wie klingt Normalität? Bei mir kommt jedenfalls langsam Sehnsucht nach urbaner Lebendigkeit auf. Abhilfe schaffen da Bruno Maderna und Luciano Berio - zwei Komponisten, dich mich während meines Studiums in die Welt der Neuen Musik führten und bis heute begeistern. In ihrer poetischen Klangreportage «Ritratto di Città» von 1955 erleben wir einen ganz normalen Tag in Mailand. Das frühe Kunstwerk der konkreten und elektronischen Musik entwickelt durch die fein montierten Stadtgeräusche einen unglaublichen Sog – und der blumige Sprechtext von Roberto Leydi hilft mir, mein eingerostetes Italienisch zu reaktivieren. Allora, facciamo una passeggiata!

«Ritratto di Città» – Teil 1
«Ritratto di Città» – Teil 2
«Ritratto di Città» – Teil 3


09.05.20
Pavel B. Jiracek – Operndirektor am Theater Basel

Gruss vom Sirius:
Da auch Jünglinge dieser Tage die Abstandsregeln einhalten müssen und nicht «live» auftreten dürfen, kommt hier der legendäre «Gesang der Jünglinge» von Karlheinz Stockhausen aus dem Lautsprecher. Ein Meisterwerk der Elektronik, mit Stockhausen höchstpersönlich am Mischpult. Kurz und knapp: «I wish you a good time», um mit den Worten des Meisters zu sprechen.

Gesang der Jünglinge – Karlheinz Stockhausen


08.05.20
Käthi Gohl Moser – Musikerin

Müll-Musik – Besuch im Klangtüftelzimmer von Ricardo Eizirik
Wie klingt Musik eines Komponisten aus Brasilien, der aufgewachsen ist in einem völlig anderen kulturellen Umfeld als demjenigen des europäischen Bildungsbürgertums? Was hat die kulturelle Tradition Europas mit Machtverhältnissen zu tun? Was interessiert einen Komponisten am heutigen Alltag mit seinen elektronischen Gadgets, mit all den Abfällen? Kann daraus Musik entstehen? Kann Neugier über Vorurteile siegen?

Ricardo Eizirik ist 1985 in Brasilien geboren. Nach dortigen Kompositionsstudien folgten Masterstudiengänge in Komposition und Transdisziplinarität an der Zürcher Hochschule der Künste. R. Eizirik arbeitet mit vielen massgebenden Schweizer Ensembles für zeitgenössische Musik zusammen, und war einige Jahre Leiter des Ensemble Lemniscate.

Sendung SRF 2 Kultur Musik unserer Zeit von Cécile Olshausen vom 28. Juni 2017
Müll-Musik – Besuch im Klangtüftelzimmer von Ricardo Eizirik

Ricardo Eizirik


07.05.20
Mark Sattler – Dramaturg Lucerne Festival

Orchester Utopie
Es fehlt das Ins-Konzert-gehen, das Konzerterlebnis. Auch beim Klanglieferservice ist es wie mit dem Restaurantbesuch, den kein at-home-service toppt – it’s not the real thing. Das gilt auch und besonders für das hier beigesteuerte Aufnahme-Dokument von Thomas Kesslers «Utopia III» für fünf im Raum verteilte Orchestergruppen, bei der jeder Musiker seine eigene Live-Elektronik selbst steuert. «Utopia III» hat Virtualität zum Thema: die Komposition und Verbindung von instrumental-akustischen mit elektronisch erzeugten Klängen. Das vermittelt sich am besten jedoch live …
«Utopia III» war eines der Hauptwerke von Lucerne Festival Sommer 2019, als Thomas Kessler composer-in-residence war. Neun Tage Vorbereitung, Einrichtung und Proben; die Musiker mussten mit dem Equipment vertraut gemacht werden – anders als bei den vorhergehenden Aufführungen, wo die Musiker sich schon Wochen vorher mit der Materie beschäftigen konnten. Kurzum, es war eine anspruchsvolle und anstrengende, aber auch gelungene Produktion für alle Beteiligten, auch nur möglich dank fleissiger Tontechniker-Helfer im Hintergrund, die das Ganze mit nächtlicher Bastel- und Programmierarbeit am Laufen hielten.
All dies hört man nicht auf der Aufnahme: die Spannung, nach den anstrengenden Vorbereitungen endlich und nur einmal das Stück im Konzert vor dem Publikum zu spielen. Man hört nicht, dass es keinen alleinigen Klangregisseur wie sonst gibt; diese Aufgabe übernimmt jeder einzelne Orchestermusiker. Man erhält bei dieser (privaten) Stereo-Aufnahme (die Daniel Miska für Thomas Kessler gemacht hat) und beim Abspielen von Computern mit meistens bescheidenem Soundsystem (bitte Kopfhörer benutzen) keinen genauen Eindruck von der wirklichen Räumlichkeit der Musik (und der Komposition!), dass der Musiker vorne links diesen überraschenden Klang produziert, der hinten rechts von einem anderen überraschenden Klang beantwortet wird. Man hört nicht, dass ab Minute 18:15 die Claves irgendwann gar nicht live gespielt werden, sondern ein aufgenommener Unisono-Akzent virtuell langsam auseinander- und wieder zusammendriftet.
Das ist die faszinierende Idee des Stückes: das Spiel von Natur- und Elektroklängen – mit einem kompletten Orchester, bei dem jeder Spieler individuelle elektro-akustische Settings zusätzlich mit seinem Instrument ansteuert und zuspielt. Ich höre «Utopia III» als Genesis: als Entstehen und Werden besonderer musikalischer Landschaften und Harmonien – und natürlich (ähnlich wie Heinz Holligers Komposition «Utopie Chorklang») als Entwurf eines utopischen Orchesterklangs.
Und auf einer sozialen Ebene wird eine Vision von Thomas Kessler verwirklicht: Orchestermusiker interpretieren und meistern nicht nur ihre Instrumente, sondern auch deren elektroakustische Erweiterung mittels der von Thomas Seelig und Oliver Greschke entwickelten und auf dem Ipad einfach zu installierenden und bedienenden software «ILEP». Das einfache set-up für die Live-Elektronik von Mikrofon, Fusspedal, Ipad und Lautsprecherbox soll wie ein «natürliches» Instrument für den Musiker werden, mit dem er ganz neue Möglichkeiten erhält, Musik zu gestalten. Dieses Zusammenklingen (vom griechischem Wortstamm leitet sich Sinfonie her) von akustischer und elektronischer Musik, aber vor allem das Verschmelzen, das eine Einheit werden von Musikern mit diesem neuen «Instrumentarium», bei der die Technik quasi ein «natürlicher» Bestandteil und «natürliches» Ausdrucksmedium menschlichen Musizierens wird, ist die sozial-humanistische Utopie, die Thomas Kessler schon immer bei seinen pionierhaften Arbeiten mit Live-Elektronik verfolgt hat.
Der schon seit langer Zeit schwer erkrankte Thomas Seelig, dem «Utopia III» gewidmet ist, ist am 01.05.2020 gestorben. Einen Ausschnitt aus «Utopia III» möchte Thomas Kessler seinem Freund und Mitstreiter als Requiem auf den Weg geben.

Thomas Kessler (*1937)
Utopia III (2016)
für grosses Orchester (in fünf Gruppen) und multiple Live-Elektronik
Thomas Seelig gewidmet
Orchester der LUCERNE FESTIVAL ACADEMY | David Fulmer Dirigent | Joachim Haas (SWR Experimentalstudio)Klangregisseur für die Einstudierung von Utopia III

«Utopia III»
[gültig für vier Wochen]

«Requiem für Thomas Seelig»
[gültig für vier Wochen]


06.05.20
Markus Bothe – Musiktheaterregisseur

Kürzlich hat mir ein Schauspieler eine Ton-Nachricht geschickt, in etwa: Der Verband der Deutschen Psychiater weise darauf hin, dass es völlig normal sei, dass man in diesen Tagen beginne, mit seinen Zimmerpflanzen, Möbeln und Wänden zu reden. Man solle also seinen Psychiater bitte nur anrufen, wenn die Pflanzen, Möbel, Wände einem auch antworten.
Da musste ich an Salvatore Sciarrinos «Infinito nero» denken, an dessen Uraufführung ich als Regisseur beteiligt sein durfte. Auch wenn das Werk inzwischen über zwanzig Jahre alt ist, empfinde ich es noch heute als aussergewöhnlich und richtungsweisend. Eine Nonne im Italien der Renaissance, Maria Maddalena dei Pazzi, erfährt in ihre Klosterzelle eingesperrt Visionen. Sciarrino macht ein eindringliches Werk über unsere Wahrnehmung daraus, beklemmend und poetisch - und eben irgendwie auch wahnsinnig.
Übrigens: Maria Maddalena dei Pazzi selbst schrieb ihre Visionen nicht auf, dies taten einige Mitschwestern für sie. Sie wurde später heiliggesprochen und hat noch heute Bedeutung, was das Bild von Glaube und Frömmigkeit betrifft. Da ich selbst kaum heiliggesprochen werde, spreche ich lieber nicht mit meinen Zimmerpflanzen, sondern höre den Stimmen zu, die Sciarrino in seinem Werk eingefangen hat.

P.S.: den Lautsprecher oder Kopfhörer muss man wirklich laut stellen – im Original klingt alles an der Grenze des Hörbaren und ist also auch eine Reflektion der Stille.

«Infinito nero» – Salvatore Sciarrino


05.05.20
Jannik Giger – Komponist und Videokünstler

Kunst und Schwindel?
Über diese Frage zerbricht sich die «internationale Spitze!», wie es der Moderator Adolf Holl 1983 zu Beginn der Sendung «Club 2» sehr scharf artikuliert, den Kopf.
Eine sehr empfehlenswerte Talkshow mit Joseph Beuys, György Ligeti, Hildegard Fässler, Annelie Pohlen, Peter Weibel und grossem Unterhaltungswert.
Eines vorweg. Auch wer die rund zweieinhalb stündige Debatte durchhält, wird wie die Talkshowgäste selbst, nie erfahren ob der oder die AutorIn des fragwürdigen Gemäldes bloss ein Hochstapler oder ein Genie war. Nur eines ist sicher: Die Person war an einer Kunstakademie.

Talkshow mit Joseph Beuys u.a.


04.05.20
Désirée Meiser – künstlerische Leiterin Gare du Nord

Was ist die Rolle des Künstlers/ der Künstlerin in unserer Zeit?
Diese Frage stellte sich einst der Dichter Friedrich Hölderlin und sie bewegte Ihn zu seinem Briefroman Hyperion. Er inspiriert seither ungebrochen Kunstschaffende quer durch die Disziplinen. Und wer kennt ihn nicht, den zutiefst enttäuschten Aussenseiter, der sich von den Menschen zurückzieht, nachdem er ihre Grausamkeit erkannt hat. «Als ich noch ein stilles Kind war...»
Auch der italienische Komponist Bruno Maderna wurde von diesem spätromantischen Werk gefangengenommen und fand sich in Teilen darin wieder. Sein daraus resultierendes gleichnamiges Musiktheater hatte 1964 in seiner Geburtsstadt Venedig Premiere, aber Maderna arbeitete noch viele Jahre daran weiter.
Die Musikjournalistin Theresa Beyer hat dazu eine wunderbare Sendung gemacht, in der sie gemeinsam mit dem Musikpublizisten Joachim Noller in die verschiedenen Bausteine des 'offenen Kunstwerkes' Hyperion hineinhört und auch Bruno Maderna selbst zu Wort kommen lässt. Ein Muss!

Hyperion – Bruno Maderna


03.05.20
Pavel B. Jiracek – Operndirektor am Theater Basel

Über allen Wolken ist Ruh’: (Fast) keine Flugzeuge in der Luft, die Flughäfen geisterhaft still. Reisen ist derzeit vor allen Dingen im Kopf möglich. Wer dabei besonders abenteuerlich unterwegs sein möchte, dem/der sei Alexandra David-Neel und ihre schillernde Lebensgeschichte ans Herz gelegt. Als eine der ersten Frauen studierte die 1868 bei Paris geborene Feministin, Opernsängerin, Buddhismus-Forscherin und Schriftstellerin an der Sorbonne und brach bereits in jungen Jahren auf ausgedehnte Reisen nach Asien auf. Als Eremitin reist sie ins verbotene Tibet, wird dort gar in den Stand eines Lamas erhoben – und lebt jahrelang als einzige Weisse zwischen knapp viertausend buddhistischen Mönchen im Kloster. Zurück in Europa, verlängert sie noch im Alter von 100 Jahren ihren Reisepass, in der Absicht, die Sowjetunion zu bereisen… Die Komponistin und Pionierin der vokalen Performancekunst Meredith Monk erinnert in ihrer Oper «Atlas» (1991) an Alexandra David-Neel. Der folgende Ausschnitt wirft einen wichtigen Aspekt auf: «Choosing Companions» will beim Reisen besonders gut überlegt sein, damit der Traumurlaub nicht zum Horrortrip wird…

«Choosing Companions» from Meredith Monk's ATLAS


02.05.20
Theresa Beyer – Musikjournalistin SRF 2 Kultur

Meine Corona-geprägte Babypause verbringe ich gerade bei meiner Familie in Frankfurt. Und Frankfurt ist nicht nur die Stadt des Ensemble Modern, sondern auch von der Komponistin und Sängerin Julia Mihály & und dem Komponisten Hannes Seidl. Wie so vielen Künstler*innen derzeit, wurden ihnen die Konzerte und Festivals abgesagt. Das Paar fällt aber nicht ins kreative Loch sondern produziert im selbstgebauten Heimstudio wuchtige Songs, in denen sich die Anspannung der Quarantäne auf einmal zu entladen scheint. Und auch einen Chor haben sie sich ins Haus geholt – zumindest digital: Freunde und Familie haben die Einzelstimmen mit dem Smartphone aufgenommen, woraus Mihály & Seidl einen Fernchor montiert haben. «Für uns. Für uns» heisst der Zyklus, der wöchentlich erweitert wird. Die Partituren der schaurig schönen Krisenmusik sind hier downloadbar.

«Für uns. Für uns» – Julia Mihály & Hannes Seidl


01.05.20
Mark Sattler – Dramaturg Lucerne Festival

Ich liebe Fritz Hausers Schraffur-Projekte, die er alleine und mit unterschiedlichsten Formationen und Institutionen gemacht hat. Die minimalistische Prozedur (formal ein crescendo – descrecendo) klingt so reich. Für das Schweizerische Tonkünstlerfest in Luzern im Rahmen des Sommerfestivals 2010 fragte ich Fritz Hauser, ob man Schraffur auch mit einem Orchester machen könnte. Die basel sinfonietta und er haben sich bereit erklärt – und eine der ungewöhnlichsten und schönsten Aufführungen meiner Luzerner Tätigkeit kann man hier in der Konzertaufzeichnung von Erich Busslinger, point de vue, nachsehen und -hören.

Fritz Hauser schraffiert mit basel sinfonietta


30.04.20
Graziella Contratto – Dirigentin, Leiterin Musik an der Hochschule der Künste Bern

Bei Bryn Terfels früherer Aufnahme von Schuberts Lied kommen mir unweigerlich die Tränen, weil ich die unbändige Kraft des jungen Basses, der hier das Taubenhafte so griffig in die Stimme verpackt, als besonders nahe beim Naturhaften von Schuberts Musik empfinde. Über dem frohgemuten Umtata-Taataa der Klavierbegleitung entfaltet sich hier ein Stimmenklang, der die Dinge ausspricht, ohne sie in Frage zu stellen, was zur Zeit der Aufnahme um 1990 (und im damaligen Fragilisierungstrend in der Klassik) eigentlich zu erwarten gewesen wäre. Bryn Terfel präsentiert einen markigen Schubert, der nicht syphilisgeschwächt und dem Tode nah einer unverfüllten Sehnsucht nachsinniert, sondern einen Komponisten, der Melodie, Struktur und Ausdruck in den vollkommenen Flow schiebt, leicht angestossen von der Begleitung und mit einem warmen Blick auf das Leben. In einer Aufnahme aus 2007 mit demselben Interpreten ist schon so viel mehr Kunst drin, es flüstert, betont und deutelt dort in absoluter Perfektion, lässt dabei aber vom Selbstverständlichen der Aufnahme aus den 90ern ab. Für mich bleibt es spannend zu beobachten, wie und ob grosse Talente von der ersten zur zweiten Naivität kommen, das ist ja ganz nebenbei vielleicht auch das Geheimnis von Schuberts Musik, vom Einfachen zum Komplexen und wieder zurück zu kommen, ohne seelische Verluste….

Franz Schubert – Die Taubenpost aus: Schwanengesang, D. 957, Aufnahmen aus 1990
Franz Schubert – Die Taubenpost aus: Schwanengesang, D. 957, Aufnahmen aus 2007


29.04.20
Anja Wernicke – Geschäftsführung und Zentrale Produktionsleitung ZeitRäume Basel

Die Uraufführung des Werks TRIO von Simon Steen-Andersen, der an der Hochschule der Künste in Bern unterrichtet, habe ich live vergangenen Oktober bei den Donaueschinger Musiktagen gesehen. Es ist so eindrücklich gut gemacht und unterhaltsam gestaltet, dass ich nur jedem empfehlen kann, diese Gesamtkomposition aus Bild und Ton mit den drei Klangkörpern des SWR (Symphonieorchester, Big Band und Vokalensemble) anzuschauen!

TRIO – Simon Steen-Andersen


28.04.20
Gabrielle Weber – Redakteurin SRF 2 Kultur / Kuratorin neo.mx3.ch

Vergeht die Zeit nun langsam oder schnell? Der Zeitbegriff ist dehnbar - das spüren wir gerade alle. Wir erleben die Zeit sicherlich intensiver denn je, sind geforderter denn je. Die Wahrnehmung ändert sich von Tag zu Tag. Auch Metronome- die vermeintlich untrüblichen Taktgeber- sind sich in der Wahrnehmung der Zeit uneins, so zumindest suggeriert es Györg Ligetis Poème Symphonique pour 100 Métronomes. Die Stille nach dem Verklingen des letzten einsamen Metronoms ist unübertroffen. Der Stillstand der jetzigen Ausnahmesituation erinnert mich oft daran.
Das Stück fand nach der Uraufführung - deren TV-Aufzeichnung nie ausgestrahlt wurde - nur punktuelle Wiederaufnahmen. Die Disposition ist komplex. Nebst Dirigent*in braucht es zehn Performer*innen, die die hundert Metronome zeitgleich in Gang setzen, und auch Geduld seitens Publikum. Denn Ligeti schreibt als Auftakt eine mindestens zwei Minuten dauernde Stille vor. Ich durfte eine Performance erleben und war hoch beeindruckt.
Leider gibt es kaum überzeugende Aufzeichnungen. Der arte-Beitrag dokumentiert den Versuch von Gilles Lacombe (32 Jahre nach der UA 1962), das Stück durch Automatisierung in eine etwas spielbarere Form zu bringen.

György Ligeti, Poème Symphonique for 100 Metronomes, 1962, UA Netherlands 1963, Video Arte


27.04.20
Michal Lewkowicz – Klarinettistin und Künstlerische Leiterin Mizmorim Festival

Der Liederzyklus Ayre vom argentinischen jüdischen Komponisten Osvaldo Golijov (geb. 1960) ist inspiriert vom mittelalterlichen Spanien, als auf der Iberischen Halbinsel Christen, Juden und Muslime bis ins späte 15. Jahrhundert weitgehend in gegenseitiger Akzeptanz und Toleranz zusammenlebten. Der Titel bedeutet sowohl «Luft» als auch «Melodie» im mittelalterlichen Spanisch. Die Texte der Lieder stammen aus den Sprachen Arabisch, Hebräisch, Sardisch, Spanisch und Ladino, der Sprache der spanischen Juden, auch Sepharden genannt. In der Musik treffen Melodien aus christlichem, islamischem und jüdischem Kontext aufeinander. Die Musik geht zudem weit über Genregrenzen hinaus und vereint traditionelle Volksweisen, Klassik, Klezmer, ja sogar Rockmusik. Für die Singstimme bietet das Werk die Möglichkeit, eine umfangreiche Palette stimmlichen Ausdrucksvermögens zu präsentieren. Begleitet wird der Gesang von einem Kammerorchester, das neben traditionellen Orchesterinstrumenten auch eine Gitarre, ein Akkordeon, Perkussion und eine Ronroco (ein bolivianisches Zupfinstrument, das einer Ukulele ähnelt) umfasst.

Uraufführung: Dawn Upshaw und The Andalusian Dogs 31. März 2004 / Zankel Hall, New York, USA CH-Erstaufführung: Mizmorim Festival 27. Januar 2018 / Gare du Nord, Basel

Ayre – Liederzyklus für Sopran und 12 MusikerInnen


26.04.20
Uli Fussenegger – Leiter Neue Musik/sonicspacebasel an der Hochschule für Musik FHNW

In Zeiten des sich relativierenden Freiheitbegriffs bekommt so manches gar nicht solange zurückliegende Tondokument eine ziemlich neuartige Beleuchtung. In der Radiosendung von Gisela Nauck für Deutschlandradio Kultur über Frank's Theoreioper 'Freiheit' sehr fein zu beobachten - kann ich nur empfehlen. Paradigmenwechsel mal anders.

Freiheit und Formate bei Patrick Frank


25.04.20
Gabriela Kaegi – Musikjournalistin

Glück ist, was passiert, wenn Vorbereitung auf Gelegenheit trifft - sagte Seneca. Und wie das klingt, zeigt uns das Duo BartolomeyBittmann. Geiger und Mandola-Spieler der eine (Klemens Bittmann), Cellist der andere (Matthias Bartolomey) waren nach ihren klassischen Ausbildungen, Ensemble- und Orchestererfahrungen eigentlich beide auf der Suche: welche Musik «beseelt mich künstlerisch und inhaltlich?» haben sie sich gefragt. Antwort: die eigene. Dann fingen sie gemeinsam an mit Komponieren, Improvisieren und spielerischem Laufenlassen. Klassik, Groove, Metal, Jazz und Rock, und noch ein paar andere Welten treffen sich. Nichts weniger als eine neue Musikrichtung wollen die beiden begründen. In der Tat: die Schublade, in die die beiden mit ihrem energetischen Sound und ihrer bedingungslosen Komplizenschaft hineinpassen, die gibt es noch nicht.
Eigentlich hätte das Duo anfangs Mai nach Basel kommen sollen. Daraus wird einmal mehr nichts. Aber vielleicht helfen ja ihre richtig schön gemachten Videos von Max Parovsky über Enttäuschung und Frust hinweg.

BartolomeyBittmann


24.04.20
Florian Hauser – Musikjournalist und Musikredaktor

Also heute mal – was Schreckliches: aktuell in jeder Hinsicht, auch länderübergreifend, und bevor wir selber alle verrückt werden, dann doch lieber so.
Ist ganz kurz, aber eben: schrecklich. Und gut. Und witzig. Jaap Blonk heisst der Mann, dem diese Stimme gehört….

Jaap Blonk und das gehört dazu: Jaap Blonk 2


23.04.20
Cécile Olshausen – Musikredaktorin SRF 2 Kultur

Ich bin ein Junkie, ich gebe es zu. Ein Audio-Junkie. Den lieben langen Tag höre ich Radio, Podcasts, Streams - egal. Immer begleiten mich Stimmen oder Musik. Mal höre ich zu, mal nicht. Genauso gerne lausche ich auch nach draussen: dem Klopfen der Handwerker, dem Klirren von Altglas, dem trägen Dröhnen niedriger Flugzeuge. Jetzt aber hat sich dieser Sound verändert. Wenn ich am offenen Fenster stehe, höre ich das Raspeln der Rädchen der Einkaufswägelchen, ich höre das Tröpfeln des Wassers des Brunnens, ich höre den Flug der Taube in der Luft. Und nachts, wenn ich auf meinen winzigen Stadtbalkon hinaustrete, dann höre ich: nichts. Auf der Weltbühne feiern gerade die Klänge der Stille Premiere: unbedingt hinhören!

Und wenn Sie das Fenster wieder geschlossen haben, wie wär’s mit ein wenig Bioakustik?

Wenn die Natur aufhorchen lässt


22.04.20
Mark Sattler – Dramaturg Lucerne Festival

Bach – Hausmusik
Márta und György Kurtág spielen Bach-Transkriptionen am Pianino

  • Das alte Jahr vergangen ist BWV 61
  • Duette in G-Dur BWV 804
  • Gottes Zeit ist die allerbeste Zeit (Sonatina BWV 106) – Actus tragicus

Eine DVD mit diesen drei Stücken erhielt jeder Gast bei György Kurtágs 90. Geburtstagfest im Budapest Music Center am 19. Februar 2016.

Bach-Transkriptionen gespielt von Márta und György Kurtág


21.04.20
Graziella Contratto – Dirigentin, Leiterin Musik an der Hochschule der Künste Bern

Der Schrifsteller Meinrad Inglin ist stark mit dem Flecken Schwyz, meinem eigenen Kindheitsort verbunden. Aus Angst vor einem Überfall durch wutentbrannte Dörfler flüchtete Inglin nach dem Erscheinen seines schwyzkritischen Romans Die Welt in Ingoldau bei Nacht und Nebel aus Schwyz und kam erst drei Jahre später wieder zurück. Meine Grossmutter traf ihn manchmal im Restaurant Hofmatt, wo er sich über die schleichende Verwahrlosung der Sprache ärgerte. Offenbar wünschte er sich nichts Sehnlicheres als – wie etwa Thomas Mann für Lübeck - eine dichterisch-transzendente Bedeutung von Schwyz aus. Der Schwarze Tanner ist eine beeindruckendes Abbild der komplexen Dreiecksbeziehung zwischen Natur, Mensch und Politik, ein Leitmotiv in Inglins Schaffen. Obwohl die italienischen Gene in unserer Familie nicht von der Hand zu weisen sind, bin ich immer noch zutiefst mit Schwyz verbunden, vor allem wird mir warm ums Herz, wenn ich Schwyzer*innen in ihrer Mundart sprechen höre. Im Hörspiel von Tino Arnold kann man zum Beispiel den erfolgreichen Regisseur Urs Kündig als jungen Mann hören, oder die wunderbar bodenständige Marielouise Reichmuth, für deren Bruder ich einen ganzen Güdeldienstag lang als Hudi verkleidet die schönste Orange aufgespart hatte, oder dann den erst vor Kurzem leider von uns gegangenen Othmar Betschart, den ich bei der Bühne 66 einmal als Chef der Blindeninsel in Siegfried Lenz‘ Die Augenbinde bewundern konnte – eine geniale Schauspielbegabung, der wie so viele Schwyzer*innen zwei Leben zu führen schien: das normale im Büro und das ihrer Natur eigentlich gemässere, dieses dann eben auf der Bühne im Verenasaal in Ibach oder im Japanesenspiel auf dem Hauptplatz vor dem Wyssen Rössli, wo Inglin ein Zimmer hatte.

Hörspiel‘ Der Schwarze Tanner‘ von Tino Arnold, basierend auf dem gleichnamigen Roman des Schwyzer Schriftstellers Meinrad Inglin


20.04.20
Anja Wernicke – Geschäftsführung und Zentrale Produktionsleitung ZeitRäume Basel

Neues zu entdecken gibt es auch auf der Video-Plattform des britischen Musikmagazins THE WIRE. Hier werden die Begriffe der experimentellen und zeitgenössischen Musik sehr weit gefasst und vor allem nicht eurozentristisch gesehen. Neben spannenden Interviews und Lectures gibt es Konzertmitschnitte zu sehen, z.B. das Set der amerikanischen Vokal-Elektronikerin Audrey Chen vom polnischen Festival «Sanatorium of Sound», zu dem ich immer schon mal selbst fahren wollte und von dem ich mir so einen Eindruck verschaffen kann:

Vokal-Elektronikerin Audrey Chen


19.04.20
Florian Hauser – Musikjournalist und Musikredaktor

Es ist, wie aus hundert Metern Entfernung auf einen Spatz zu zielen, der auf dem Dach sitzt, und den dann auch zu treffen. Nein, es ist viel interessanter. Weniger mörderisch und genauso schwierig. Frank Reinecke ist einer, der sowas kann. Seit über 30 Jahren spielt er Kontrabass im Sinfonieorchester und hat daneben eine geheime Leidenschaft: reine Intervalle, Spaltklänge, Differenztöne, die weit entfernt sind von der gewohnten temperierten Stimmung und die er nur findet, wenn er auf dem Griffbrett mit dem richtigen Bogendruck winzigste Fingerdrehungen macht – um dann eine fantastische Klanglandschaft erblühen zu lassen. Das ist eine Radiosendung, die schon ein paar Jahre alt ist, aber frische, leuchtende Töne mitbringt. Wie ein früher Frühlingsmorgen.

Meister der Obertöne – Frank Reinecke


18.04.20
Uli Fussenegger – Leiter Neue Musik/sonicspacebasel an der Hochschule für Musik FHNW

Walter Wrights wunderbares retrospektives Videoprogramm:
Eine sehr angenehme Option den Raum zu wechseln ohne physisch wirklich mobil sein zu dürfen/wollen.
Gute Reise!

Walter Wright


17.04.20
Mark Sattler – Dramaturg Lucerne Festival

Kneipenkonzert
Diese Folge von «carpool» hat den besten Abschluss: Überraschungskonzert von Paul McCartney in einer Liverpooler Kneipe. Genau das fehlt uns gerade (kann ich mir auch sehr gut in der Bar vom Garde du Nord vorstellen …). Musste bei einem Stück heulen …

Carpool mit Paul McCartney


16.04.20
Marianne Schuppe – Komponistin, Performerin und Präsidentin der IGNM Basel

Elemental? Reality? Vor einer Weile stieß ich im Archiv von SRF 2 auf die Sendung «Elementare Wirklichkeiten», in der Thomas Meyer mit dem Komponisten Jürg Frey über seine Arbeit spricht. Ausgangspunkt ist das Orchesterstück «Elemental Realities» von Jürg Frey, das im Herbst 2019 in Donaueschingen uraufgeführt wurde. Ein Nachdenken über Langsamkeit, Stillstand und Lautstärke.

Elemental Realities – Jürg Frey

Komplette Aufnahme von Elemental Realities


15.04.20
Cécile Olshausen – Musikredaktorin SRF 2 Kultur

Damals, als Cellistin, spielte ich hauptsächlich zeitgenössische Musik. Und ich erinnere mich noch gut: Jedes Mal, wenn ich eine neue Partitur öffnete, hielt ich die Luft an. Würde es schlimm werden … oder katastrophal? Viele Musiker*innen kennen sie: die Angst vor dem Unspielbaren, die Angst vor dem Scheitern. Aber dann wirft man sich doch immer wieder mitten hinein ins Abenteuer. Davon handelt diese wunderbar vielstimmige Sendung von Theresa Beyer. Ehrliche Einblicke in die Abgründe unspielbarer Werke geben Dieter Ammann, Bettina Berger, Susanne Blumenthal, Ludger Brümmer, Christian Fausch, Andreas Häfliger und Carolin Widman.

Unspielbarkeit – Geschichten aus der Grenzzone


14.04.20
Gabrielle Weber – Redakteurin SRF 2 Kultur / Kuratorin neo.mx3.ch

Gemeinsam lachen tut manchmal gut, gerade jetzt.
Deshalb mein nächster Tipp: Unbedingt (wieder) anschauen: John Cage in Water Walk.
Cages fabelhafte Performance inspiriert mich immer von Neuem. Toll ist auch, ihn im kurzen Interview davor zu erleben. So selbstverständlich, ernsthaft und humorvoll platziert er hier gezielt Kernaussagen zu seinem Musikverständnis. Und sein Statement zu eventuellen Zwischenlauten «I consider laughter preferable to tears» passt gerade jetzt gut, und motiviert zu Positivität.
Das waren noch Zeiten, als das TV zeitgenössische Musikschaffende in Shows zu bester Sendezeit einlud...

John Cage – Water Walk, CBS-Show I've got a secret, Januar 1960


13.04.20
Alain Claude Sulzer – Schriftsteller und Musikkenner

Wie hätte das musikalische 20. Jahrhundert ohne Nikolas Harnoncourt ausgesehen, wie sähe es heute aus? Die Frage richtet sich in diesem Radiobeitrag von 2014 an den Mann selbst, der die Aufführungspraxis barocker und klassischer Musik ab den 1960er Jahren radikal veränderte. Er selbst hat darauf keine Antwort. Jahrzehntelang trieb Harnoncourt eine andere Frage um: jene nach dem inneren Zusammenhang der letzten drei Sinfonien Mozarts. Sein Fazit: Obwohl jede Sinfonie durchaus eigenständig besteht, gehören die Nummern 39, 40 und 41 doch wie ein großes Werk zusammen. Gabriela Kägi und Roland Wächter haben das Ehepaar Alice und Nikolas Harnoncourt zwei Jahre vor dem Tod des Dirigenten in ihrem Haus im Salzkammergut besucht und sich in einer unterhaltsamen Reportage erklären lassen, wie aus Neugier und Nachdenken Interpretation entsteht.

Nikolas Harnoncourt Reportage


12.04.20
Mark Sattler – Dramaturg Lucerne Festival

«Der Frühling» (von Friedrich Hölderlin)

Die neue Welt ist aus dem Thale Grunde,
Und heiter ist des Frühlings Morgenstunde,
Aus Höhen glänzt der Tag, des Abends Leben
Ist die Betrachtung auch des innern Sinns gegeben.

Heinz Holliger hat mit diesem Gedicht den Klaviersatz von Schumanns «Gesänge der Frühe» textiert und für Chor gesetzt als ein Teil seines grossen Werks «Gesänge der Frühe» nach Schumann und Hölderlin für Chor, Orchester und Tonband von 1988. Mit diesem langsamen tröstenden Hymnus beginnt meine Radiosendung, in der ich Nonos Umgang mit Hölderlin, sein Komponieren mit Hölderlin im Streichquartett «Stille – Fragmente, an Diotima» nachgehe. Neben vielen Klangbeispielen ist Luigi Nono im O-Ton zu hören wie auch mein Vater, der Hölderlin-Herausgeber D. E. Sattler.

«Es waren nämlich viele, / Der schönen Inseln» (Hölderlin, «Kolomb») – Hölderlin (lesen) und Nono (hören) – gerade jetzt in dieser Zeit.

«…GEHEIMERE WELT …»
Hölderlin-Bezüge in Luigi Nonos Streichquartett FRAGMENTE-STILLE, AN DIOTIMA
Radiosendung von Mark Sattler
Gültig bis 19.04.2020
Mit freundlicher Erlaubnis von BR Klassik

Hölderlin und Nono


11.04.20
Désirée Meiser – künstlerische Leiterin Gare du Nord

Heute möchte ich Ihnen ein Mammutwerk ans Herz legen:
Das SRF Hörspiel MARTIN SALANDER nach dem gleichnamigen Roman von Gottfried Keller.
Das verspricht fast 6 Stunden beste Unterhaltung und dazu vielleicht auch das Schliessen einer Bildungslücke in Sachen grosser Schweizer Literatur?!
Selten gab es für mich ein Hörspiel mit einer so starken, sich mit dem Text subtil verbindenden, musikalischen Präsenz.
Ich kann Ihnen das sich Vertiefen in Gottfried Kellers ruhigen Erzählfluss, der doch immer wieder in die Fast- Katastrophe mündet nur empfehlen!

Komposition: Martin Bezzola, Tomas Korber - Kompositions-Assistenz: Lisa Mark - Instrumente: Martin Sonderegger (Klarinette und Bassklarinette), Sandra Weiss (Fagott), Andreas Tschopp (Posaune), Lara Stanic (Flöte), Martin Bezzola (Saiteninstrumente, Klavier, Sampling, Elektronik)

Tontechnik: Tom Willen, Roland Fatzer - Bearbeitung: Mark Ginzler, Simone Karpf - Dramaturgie: Simone Karpf, Anina Barandun - Regie: Mark Ginzler - Produktion: SRF 2019

Hörspiel MARTIN SALANDER


10.04.20
Mark Sattler – Dramaturg Lucerne Festival

Through Music We Are Connected

Bachs Musik ist einfach tröstend, das war die Funktion der Matthäus-Passion damals – und das funktioniert auch heute noch. Dieses gut gemachte Beispiel von virtuellem gemeinsamen Musizieren vom Bachfest Malaysia hat mich beeindruckt.
«We will continue to make music despite the challenges ahead of us; We may be apart from each other, but we are connected through music. Here's a video featuring musicians of Bachfest Malaysia and our friends around the world, singing a hopeful chorale from Bach's 'St. Matthew Passion'. We hope that this will be an encouragement to all of us who are currently experiencing the epidemic on different levels.»

Through Music We Are Connected


09.04.20
Anja Wernicke – Geschäftsführung und Zentrale Produktionsleitung ZeitRäume Basel

Die SRF-Sendereihe «Neue Musik im Konzert» ist ein wunderbarer Fundus, um Konzerte nachzuhören, die man vielleicht verpasst hat. So kann ich selbst das Konzert der Basel Sinfonietta vom 15. September nochmal in voller Länge anhören, das ich im Festivalrummel von ZeitRäume Basel nicht mit der nötigen Aufmerksamkeit verfolgen konnte. Es tut gut, sich dabei die Atmosphäre des Konzerts in Erinnerung zu rufen: an die 500 Konzertbesuchenden genossen in der Konzertpause an Deck des Schiffs im Basler Rheinhafen den traumhaften Spätsommer-Sonnenuntergang und liessen sich während des Konzerts im Schiffsbauch von den strömenden Klängen wegtragen. Das Orchesterstück REIN von Katharina Rosenberger Programms wurde einige Tage später beim Warschauer Herbst wiederholt.

Basel Sinfonietta – Wassermusik
REIN beim Warschauer Herbst


08.04.20
Bernhard Günther – künstlerischer Leiter Wien Modern und Festivalintendant ZeitRäume Basel

Timing und Tempo sind in diesen Wochen etwas ganz Besonderes: In bestimmten Bereichen (Gesundheitswesen, Nahversorgung, häusliche Kinderbetreuung, Politik, und ja, auch Kultur, bei ihrem Versuch, wochenlang im Vakuum zu überleben) kommt man kaum nach. Doch im Großen Ganzen entdecken Viele in diesen Tagen – freiwillig oder unfreiwillig, locker oder nervös – die Besonderheiten der Verlangsamung. Downtempo. Auszeit. Zeitenwende? Zeit zum Nachdenken. Musik ist in dieser Verformung und Verlangsamung der Zeit atemberaubend gut. Auch wenn ich eigentlich um Hörtipps von einer Stunde oder mehr gebeten wurde – hier sind zum Einstieg mal erstaunliche 13 Minuten, die die Zeit außer Kraft setzen (auch geeignet für Menschen in extra hektischen Bereichen, aber – Spoiler alert – durchaus hochdramatisch). György Ligetis Komposition «Lontano» für großes Orchester von 1967. Gespielt von den Wiener Philharmonikern unter der Leitung von Claudio Abbado. Live aufgenommen bei der allerersten Ausgabe des Festivals Wien Modern 1988. Augen zu. Viel Vergnügen.

György Ligeti – Lontano


07.04.20
Gabriela Kaegi – Musikjournalistin

Simsalabim! Corona hat die Archive von Theatern und Opernhäusern geöffnet. Nicht alles, was dort schlummert, lohnt sich anzuschauen und -hören. Andererseits gibts dann aber auch richtig tolle Trouvaillen. Wie zum Beispiel Peter Steins Verfilmung von Gorkis Sommergästen (Schaubühne), die trotz ihres Alters frisch und beklemmend geblieben ist.
Neu und aufregend ist die Inszenierung von Barrie Kosky. Diese Saison hat er sein Haus, die Komische Oper Berlin, mit Hans Werner Henzes Oper Die Bassariden eröffnet. Zweieinhalb Stunden Opernrausch total: sinnlich, opulent, brutal, blutig, erotisch, sexy. Es geht um Disziplin versus Tollheit, um Ordnung versus Anarchie, Kontrolle versus Chaos, Abstinenz versus Verführung oder auch einfach um zwei Könige, die sich bekämpfen und von denen einer am Ende tot sein wird.

Bassariden (Hans Werner Henze) – Komische Oper Berlin

(nur bis 14. April verfügbar)


06.04.20
Uli Fussenegger – Leiter Neue Musik/sonicspacebasel an der Hochschule für Musik FHNW

Die im weitesten Sinn performancefreie Zeit lädt ein, sich mal wieder um Kunstformen zu kümmern, die ursprünglich mit Screens zu tun haben.
Zum Beispiel die von Katherine Liberovskaya kuratierte 16. Ausgabe von ' Experimental Intermedia NYC SCREEN COMPOSITIONS':

NYC SCREEN COMPOSITIONS


05.04.20
Anja Wernicke – Geschäftsführung und Zentrale Produktionsleitung ZeitRäume Basel

Vor einigen Wochen habe ich auf der Plattform www.ubu.com einen Film über die Cellistin Charlotte Moorman entdeckt und war fasziniert von dieser bemerkenswerten Künstlerinnen-Persönlichkeit. Ausgebildet als klassische Cellistin arbeitete sie bald eng mit dem Komponisten Nam June Paik zusammen und wurde so zu einer Pionierin der Neuen Musik und Performance-Kunst-Szene der 60er Jahre, in der sie radikale Massstäbe setzte. Ihre Hingabe für die Kunst und die Menschen, mit denen sie eng verbunden war, wird in diesem Film sehr schön deutlich!

Charlotte Moorman Film


04.04.20
Mark Sattler – Dramaturg Lucerne Festival

Exklusiv am 4. April: Mahlers 9. Sinfonie mit Claudio Abbado und dem Lucerne Festival Orchestra

Mahlers Musik, besonders seine 9. Sinfonie, ist wie das Leben: voller Glück, Freude, Schmerz, Abgründe, Trost. Die Mahler-Aufführungen von Claudio Abbado und dem Lucerne Festival Orchestra gehören zu meinen Konzert-Sternstunden. Sternstunden wegen der besonderen Verbindung von Musiker, Werk und Publikum – genau, das was wir gerade nicht erleben können, wenn eine grosse Gemeinschaft erfüllt ist von Musik. Plus etwas einmaligem, das man besonders eindrucksvoll im Konzertsaal des KKL erfahren kann: Die Stille. Das vermittelt schon der kurze Trailer …

Aufgezeichnet am 20. und 21. August 2010 | KKL Luzern, Konzertsaal
ab 4. April, 19.00 Uhr, für 24 Stunden verfügbar

Mahlers 9. Sinfonie mit Claudio Abbado und dem Lucerne Festival Orchestra


03.04.20
Gabrielle Weber – Redakteurin SRF 2 Kultur / Kuratorin neo.mx3.ch

Die Städte sind plötzlich fast beunruhigend ruhig, kaum Lärm von Menschen, Autos, Maschinen. Mein Tipp, um die Ohren für die Stille zu schärfen: Ein kurzer Ausschnitt aus écho/cide von Antoine Chessex. Das Stück wurde 2018 für das Projekt Heimspiel von Eklekto Geneva Percussion Center komponiert. Bei der Uraufführung in der Alhambra in Genf beindruckte es mich auch visuell. Und durch die ungewöhnliche Besetzung von vier Hackbrettern und einem Cymbalum entwickelt Chessex einen minimalistisch repetitiven und zugleich heftigen Klangstrudel, dem ich auch beim mehrmaligen Hören kaum entkomme und der meine Ohren für die Stille schärft. Heimspiel widmete sich -auch mittels des gewählten Instrumentariums- den eigenen Wurzeln, gerade in einer von Migration und Unruhen geprägten Zeit; das Besinnen darauf passt auch zur jetzigen Ausnahmesituation.
Die Uraufführungen von Heimspiel und weitere Werke von Antoine Chessex oder dem Geneva Percussion Center lassen sich auf neo.mx3.ch nachhören.

Antoine Chessex – écho/cide


02.04.20
Désirée Meiser – künstlerische Leiterin Gare du Nord

Ich denke, genau das nennt man 'Perlentauchen'!
Ich habe mich auf gut Glück in die Wunderkammer des Archivs von SRF2 begeben und dabei diese grossartige Sendung aus der Reihe "Musik unserer Zeit" vom Februar 2017 entdeckt.
Die Musikjournalistin Cécile Ohlshausen unterhält sich mit dem Pianisten, Spezialisten für Neue Musik und Musiktheaterregisseur Pierre Sublet über die Concord Sonata von Charles Ives, dem Monumentalwerk der amerikanischen Musikgeschichte des 20.Jahrhunderts.
Dabei eröffnen sich uns beim Hören sowohl der Musik, als auch des Gesprächs der Beiden über Charles Ives, Türen in die Welt des entfesselten Klangs, der Philosophie und des Transzendentialismus.
Eine geradezu grenzen-lose Erfahrung!

Ohlshausen und Sublet über die Concord Sonata von Charles Ives


01.04.20
Mark Sattler – Dramaturg Lucerne Festival

Queens legendärer Auftritt beim Live Aid Konzert 1985. Was der Film «Bohemian Rhapsody» von 2018 genial inszeniert und zeigt, ist wie stark sich Publikum und Musiker verbinden können – wie stark Musik verbindet.

… diese Erfahrung, dieses Gefühl, das ist das Leitthema meiner Auswahl für Euch in dieser Zeit.

Live Aid – Bohemian Rhapsody


31.03.20
Anja Wernicke – Geschäftsführung und Zentrale Produktionsleitung ZeitRäume Basel

Trond Reinholdsten war im vergangenen Jahr für einen Vortrag an der Hochschule für Musik FHNW in Basel zu Gast, um sein Projekt «The Norwegian Opra» vorzustellen. Seitdem steht auf meiner «Must see» Liste seine 15-teilige Video-Serie Ø, die er in Personalunion als Komponist, Performer, Regisseur, Bühnenbildner etc. in seinem selbst gegründeten 1-Personen-Gesamtkunstwerk-Opernhaus in den Schwedischen Wäldern produziert hat. Jetzt endlich komme ich dazu und freue mich schon auf das trashige Miniatur-Bayreuth. Vielleicht inspiriert die Serie auch zu einem kreativen Umgang mit der Heim-Isolation.

The Norwegian Opra – Trond Reinholdsten


30.03.20
Florian Hauser – Musikjournalist und Musikredaktor

Lust auf Langenthaler Dialekt? Der Komponist Heinz Holliger nimmt uns mit auf eine launige Reise (in Mundart!) durch sein Haus und all die Literaten, die sich dort angesammelt haben im Lauf der Zeit. Und die ihn inspirieren. Eine Hör-Reise zum sich verlieren........

Heinz Holliger und die Literatur

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