«Tales and Songs» – SoloVoices

Mit «Tales and Songs» präsentiert SoloVoices zwei Werke für vier Singstimmen und Live-Elektronik aus den 1980er-Jahren und ein zeitgenössisches Auftragswerk für dieselbe Besetzung. In Zusammenarbeit mit dem ICST widmet sich das auf zeitgenössische Vokalmusik spezialisierte Ensemble der Rekonstruktion und Aufführung der mit den elektronischen Mitteln ihrer Zeit komponierten Werke: Von Henri Pousseur erklingen die auf Texten von William Blake beruhenden ‹Tales & Songs from the Bible of Hell›, in denen sich Pousseur musikalisch mit Dowlands ‹Flow my tears› auseinandersetzt und von William Brooks die ‹Madrigal›s über englische Gedichte. Als Kontrapunkt dazu wird ein beim jungen Schweizer Komponisten Micha Seidenberg in Auftrag gegebenes Werk uraufgeführt – auch auf einem englischsprachigen Text beruhend, zeugt es vom neuen Zugang zur Musik und den neuen Möglichkeiten der Elektronik.

Mit: SoloVoices: Svea Schildknecht (Sopran), Francisca Näf (Mezzosopran), Jean-Jacques Knutti (Tenor), Jean-Christophe Groffe (Bass); Micha Seidenberg (Komposition/Elektronik); Leandro Gianini (Klangregie)

Programm: Micha Seidenberg (*1984): ‹MY MOTHER is a fish› (2020, UA); Henri Pousseur (1929-2009): ‹Tales & Songs from the Bible of Hell› (1979); William Brooks (*1943): ‹Madrigals› (1982)

Werke

William Brooks (*1943) – Madrigals (1982) for four amplified singers
Brooks ging es bei der Herstellung der Madrigale um mehrere Dinge, aber vor allem um die Komposition einer Gruppe von Stücken, die auf viele verschiedene Arten zu hören sind. Zunächst entwarf er ein Schema, in dem jedes mögliche Paar von Stücken in einer Art Beziehung zueinanderstehen würde. Ebenso wird der Rhythmus in den ersten beiden Stücken auf «mikroskopische» Weise verwendet, um jeden Klang sehr genau zu platzieren und zu definieren, während er in den letzten beiden Stücken hingegen «makroskopisch» ist.
Schliesslich enthalten alle vier Stücke viele Verweise und fragmentarische Zitate, welche zur Definition der beiden übrigen Paare beitragen. Die Madrigale 1 und 3 basieren auf klassischen Stilen der fernen und jüngsten europäischen Vergangenheit, während 2 und 4 populäre amerikanische Idiome verwenden.
Brooks verwendet Mikrofone, um sehr leise Klänge zu hören und die Wirkung anderer zu verstärken. Viele der verwendeten Techniken wurden vom Extended Vocal Techniques Ensemble of California und von Sängerinnen wie Joan LaBarbara und Meredith Monk entwickelt. Andere wurden aus der Sprachwissenschaft abgeleitet.
Vokale können beispielsweise sprachlich durch das charakteristische Band von Obertönen definiert werden, welches jeder einzelne enthält. Im ersten Madrigal werden diese Bänder auf bestimmte Tonhöhen verengt, sodass die Stimme des Sängers in einer Weise schwingt, die einen einzelnen harmonischen Teil des gesungenen Grundtons verstärkt. Solche ‹verstärkten Obertöne› ermöglichen es in acht Teilen für vier Sänger zu schreiben und Gibbons magisches Gedicht erweist sich als eine brillant konzipierte ‹Melodie› von Vokalklängen.
Das zweite Madrigal ist eine analoge Erforschung der Konsonanten. Die Phonetik lehrt, dass viele Konsonanten mit nach innen oder aussen strömender Luft artikuliert werden können und der Luftstrom an drei Stellen (Mund, Rachen und Lunge) kontrolliert werden kann. Bei dem Ausruf, welcher normalerweise mit «tch- tch» geschrieben wird, handelt es sich im Grunde nur um zwei «t», die mit ingressiver Mundluft artikuliert werden. Brooks hat eine ganze Reihe von phonetischen Symbolen, zusammen mit einigen neu erfundenen, verwendet, um ein Kaleidoskop von sprachlichen und musikalischen Fragmenten zu erstellen, die fast (aber nicht ganz) kohärent werden.

Micha Seidenberg (*1984) - MY MOTHER is a fish (2020), UA, für Vokalquartett mit Elektronik
William Faulkners «As I lay dying» beschäftigt Seidenberg schon länger. Er ist fasziniert von Inhalt, Sprache und Form, welche Faulkner seinem Roman gegeben hat. Oft schreibt er in Form eines Bewusstseinsstroms (Stream of Consciousness) und dringt damit sprachlich in Zwischenräume der Wahrnehmung vor. Dort vermischen sich unterschiedliche Sinne und rationale Denkweisen zerfransen in den Rändern des Surrealen. Diese komplexen Erlebnisse sowie Faulkners besondere, durch Flashbacks durchbrochene Erzählweise mit ihren sich überkreuzenden Erzählsträngen, sind ein wunderbares Angebot zur kompositorischen Auseinandersetzung. Ebenso prägend wie der Text, ist das «Instrument» welches aus der wunderbaren Besetzung des Vokalquartetts mit Elektronik entsteht: hier steht das Zusammenspiel vom Vokalklang und dem Sound seines selbst entwickelten, durch eine Partitur gesteuerten Synthesizers im Vordergrund. Einerseits suchte er nach der Differenz, dem Anderen, dem Synthetischen, andererseits faszinierte Seidenberg immer wieder die grösstmögliche Mischung aus Vokalen und frequenzmodulationsbasierter Klangsynthese. Manchmal lässt sich nicht mehr zwischen menschlichem und nicht-menschlichem Klang unterscheiden. Ähnlich wie in Faulkners Bewusstseinsströmen und doch auf eine ganz andere, musikalische Weise, entstehen hierbei Momente der Entrückung und der Wahrnehmungsverschiebung.

Die hier vorgestellte Musik ist eine formal in sich geschlossene Etappe eines grösseren Werkes, dessen Entwicklung durch die Pandemie jäh unterbrochen wurde, in Zukunft vielleicht noch erlebt werden kann.

Henri Pousseur (1929-2009) – Tales & Songs from the Bible of Hell (1979), musique électroacoustique avec quatre voix électrifiées en temps réel
Als Henri Pousseur 1979 gebeten wurde, ein Werk für Electric Phoenix zu komponieren, war er tief in das Studium von Dowlands «Flow my tears» und Blakes «Marriage of Heaven and Hell» vertieft. Der Auftrag des englischen Ensembles Electric Phoenix erlaubte ihm, eine eigene Hochzeitszeremonie durchzuführen. Es beginnt mit einer genialen vierstimmigen Umsetzung von Dowlands begleitendem Lied, aus dem sich eine Fantasie in vier fortlaufenden Sätzen entwickelt: eine allegorische Reise von der Hölle zum Himmel und zurück, die mit einem «Sprung in die Leere, die zwischen unserem Sonnensystem und den Fixsternen liegt» endet. Mit Ausnahme von zwei kurzen Auszügen aus früheren orchestralen und elektronischen Stücken ist die Musik vollständig aus Dowlands Madrigal abgeleitet, wenn auch manchmal bis zur Unkenntlichkeit transformiert. Auf dem voraufgenommenen Tonband, das die Sänger begleitet, kann eine einzelne Phrase um vier Oktaven tiefer gelegt werden, um einen Bordun zu erzeugen, oder dutzende Male neu aufgenommen und mit hoher Geschwindigkeit über die Köpfe gespult werden, um eine sich beschleunigende Hektik zu erzeugen - so wird das Werk zuweilen zu einem gleichzeitig mehrschichtigen Thema mit mehreren Variationen. Aber egal wie komplex die Behandlung auch sein mag (einige Segmente durchliefen bis zu zwölf Phasen), die Elemente stehen im Zusammenhang, da sie teilweise einen gemeinsamen stimmlichen und thematischen Ursprung aufweisen.

SoloVoices © Susanna Drescher

SoloVoices © Susanna Drescher

Biografien

William Brooks
William Brooks studierte Musik und Mathematik an der Wesleyan University (BA 1965) und erhielt Abschlüsse in Musikwissenschaft (MM 1971) und Kompositionstheorie (DMA 1976) von der University of Illinois. Seine Kompositionen wurden von der Gulbenkian Foundation, dem British Arts Council und anderen in Auftrag gegeben und vom Kronos Quartett, Electric Phoenix, Trio Scordatura und anderen bedeutenden Ensembles aufgeführt. Brooks lehrte an der University of Illinois (1969-73) und an der University of California (1973-7), arbeitete dann als freiberuflicher Komponist, Wissenschaftler und Interpret, bevor er 1987 an die University of Illinois zurückkehrte. Dort war er Professor für Komposition, Direktor der Contemporary Chamber Singers und viele Jahre lang Vorsitzender der Abteilung für Kompositionstheorie. Im Jahr 2000 nahm er seine jetzige Stelle an der University of York an; seit 2009 ist er auch Senior Fellow und Herausgeber der Reihe am Orpheus Institute, Gent, Belgien, und er ist weiterhin emeritierter Professor an der University of Illinois.

Micha Seidenberg
Micha Seidenberg studierte im Bachelor Musik und Musikwissenschaften und im Master Musiktheorie und Komposition. Er komponiert für alles was klingt und durch Klang auf etwas «zeigen», etwas vermitteln und sinnlich erfahrbar machen kann. In diesem Sinne hat er sich neben instrumental und vokal geprägten Klangkörpern, auch intensiv mit den Möglichkeiten der Elektroakustik auseinandergesetzt. Daraus sind sowohl Werke mit Live-Elektronik, wie auch reine Computermusik im Kontext von installativen Arbeiten entstanden. Seine Arbeit wurde durch Stipendien und Preise gewürdigt u.a. mit dem Förderpreis der Stadt Zollikon, sowie mit dem Atelierstipendium in Berlin der Stadt Zürich. Er unterrichtet Instrumentation an der Zürcher Hochschule der Künste.

Henri Pousseur
Henri Pousseur wurde am 23. Juni 1929 in Malmédy/Belgien geboren. Er studierte Musik am Konservatorium von Liège und Brüssel. Schon 1950 nimmt er an der internationalen Avantgarde-Bewegung mit Boulez, Stockhausen, Berio und anderen teil. Ab 1960 nimmt er eine unabhängige Position ein: Er weigert sich, die Erfahrungen der Vergangenheit - von manchen «tabula rasa» genannt - abzulehnen und versucht, die dualistische Kluft zwischen Antike und Moderne, zwischen Wissenschaft und Volkstümlichkeit zu schliessen. Ab 1970 unterrichtet er in Deutschland, in der Schweiz und in den Vereinigten Staaten, dann an der Universität und am Konservatorium von Liège, wo er auch das Centre de recherches et de formation musicales de Wallonie gründete. Als Direktor des Konservatoriums kann er ab 1975 neue Ideen im Bereich der Musikpädagogik einbringen und übt dadurch nachhaltigen Einfluss auf das musikalische Leben der Stadt aus. Infolgedessen wird er beauftragt, beim Aufbau des Pariser Instituts für Musikpädagogik, das heute als Centre de ressources in die Cité de la Musique integriert ist, federführend mitzuwirken. In diesem Zusammenhang gründet er die Zeitschrift Marsyas, von der bis heute ungefähr 40 Ausgaben erschienen sind. Er schafft eine Verbindung zwischen Universität und Konservatorium in Form eines Studiengangs für Musikkommunikation, welcher auch Schülern des Konservatoriums offensteht und von Lehrern beider Institutionen betreut wird. Nach seiner Emeritierung im Jahr 1994 zieht er mit seiner Frau nach Waterloo, um näher bei Brüssel und seiner Familie zu leben. Bis 1999 ist er Composer-in-residence am K.U.L. (Universität Leuven).
Pousseur hat etwa 150 Werke verschiedener Größe, Gattung und Besetzung komponiert. Neben zahlreichen Artikeln hat er auch einige Bücher verfasst. Er ist Doktor honoris causa der Universitäten Metz und Lille.

Leandro Gianini - Klangregie
Leandro Gianini studierte klassische Perkussion am Conservatorio della Svizzera italiana mit Bernhard Wulff. Er verfügt über einen Bachelor in Musik und einen Master in Musikausbildung. Im Anschluss an seinen Master hat er seine Ausbildung als Sound Engineer an der Zürcher Hochschule der Künste mit A. Werner und A. Brüll begonnen. 2018 hat er seinen Master in Composition and Theory Vertiefung Tonmeister abgeschlossen. Seither arbeitet er für verschiedene Produktionen im Studio und Live. Seit 2019 arbeitet er als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am ICST (Institute for Computer Music and Sound Technology, Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK)). Die Entwicklung von neuen Performances im Zusammenhang mit Sound spielt eine grosse Rolle in seiner Arbeit.

Svea Schildknecht - Sopran
Die aus Heidelberg stammende Sopranistin Svea Schildknecht erhielt dort von frühester Kindheit an ihre musikalische Ausbildung in den Fächern Gesang, Klavier, Geige, Dulzian, Dirigieren und Theorie. Ein Schulmusik- und Englischstudium führte sie nach Freiburg, an der Schola Cantorum Basel absolvierte sie einen Master-Studiengang im Fach Vokal-Ensemble. Neben ihrer Tätigkeit als Lied- und Oratoriensängerin ist Svea Schildknecht sehr engagiert im Bereich der Neuen Musik und des Musiktheaters tätig, und führte zahlreiche Werke in Uraufführungen auf. Für die CD-Einspielung der Produktion «Kopernikus» von Claude Vivier (1978/79) mit der Young Opera Company Freiburg, in der sie den Koloratursopran sang, erhielt das Ensemble 2016 den Preis der Deutschen Schallplattenkritik, und 2017 den International Classical Music Award. Svea Schildknecht ist Gründungsmitglied der beiden Quartette «Ensemble SoloVoices» und «Voc_4», sowie des Trios «Tre Voci» und unterrichtet Gesang an der Domsingschule des Freiburger Münsters und an der Hochschule für Musik Freiburg.

Francisca Näf - Mezzosopran
Francisca Näf hat Gesang und Chorleitung an den Musikhochschulen von Neuchâtel, Zürich, Den Haag (NL) und Basel studiert. Bereits während des Studiums setzte sie sich intensiv mit zeitgenössischer Musik auseinander und wirkte seither bei zahlreichen Uraufführungen mit. Im Jahr 2007 erfolgte die Gründung des professionellen Ensembles SoloVoices, einem auf zeitgenössische Musik spezialisierten Vokalensemble. Das Interesse für die Alte Musik führte sie schliesslich nach Basel an die Schola Cantorum Basiliensis, wo sie den Studiengang AVES (Advanced Vocal Ensemble Studies) mit einem Master abschloss. Neben der Mitwirkung (Sängerin und Organisation) bei SoloVoices ist Francisca Näf als Sängerin bei verschiedenen Ensembles tätig (Bach-Stiftung St. Gallen, Vokal-ensemble Zürich, Canticum Novum Zürich). Sie wirkte bei verschiedenen freien Musiktheaterprojekten sowie als Zuzügerin im Theater Basel mit. Francisca Näf unterrichtet an der Allgemeinen Musikschule Muttenz sowie privat Gesang und leitet den Chor i Punti. Ausserdem ist sie bei der Basler Münsterkantorei Assistentin der Dirigentin und erteilt Stimmbildungsunterricht. Francisca Näf ist Preisträgerin des Concours Nicati 2006 ‐ öffentlicher Interpretationswettbewerb für zeitgenössische Musik.

Jean-Jacques Knutti - Tenor
Jean-Jacques Knutti ist in Kanada geboren, und kam mit 8 Jahren in die Schweiz. Er studierte an der ETH in Zürich Mathematik und danach am Konservatorium ZH parallel Gesang und Waldhorn. Währenddessen dirigierte er verschiedene studentische Ensembles und auch ein professionelles Ensemble für Neue Musik. Nach dem Besuch des Opernstudios in Biel wandte er sich zum Opernfach hin, wobei er mit Vorliebe Charakterrollen aus Opern des 20. Jahrhunderts darstellt - und zwar sowohl im hohen Bariton, als auch im Tenorfach. So wirkte er am Musiktheater Biel und bei freien Produktionen im In- und Ausland schon in über 30 Opern mit, darunter in Uraufführungen von Klaus Huber, Jost Meier, Mischa Käser, Chaya Chernowin, Gion Antoni Derungs, Jürg Wyttenbach, Andreas Pflüger u.a. Daneben ist er auch als Ensemblesänger und Dirigent tätig. Gegenwärtig schliesst Jean-Jacques Knutti an der Universität Zürich seine Doktorarbeit zum Thema «John Cage und Japan» ab. Für die Projekte von SoloVoices schrieb er bereits einige Vokalkompositionen.

Jean-Christophe Groffe - Bass
«Extrêmement oisif, extrêmement libre, & par nature & par art» (Extrem müssig, extrem frei, und von Natur und von Kunst, Michel de Montaigne, 1533–1592): Jean-Christophe Groffe hat in der Musik eine Lebensweise gefunden, die diesem Temperament entspricht. Als Absolvent der Schola Cantorum Basiliensis in den Fächern Gesang, Ensemblemusik und Pädagogik gilt sein besonderes Interesse der Frühen Musik, doch seine Neugierde führt ihn auch zu einem breiten Spektrum an Repertoires. Er ist Gründer und künstlerischer Leiter von thélème, einem Ensemble, das sich einer offenen und originellen Interpretation von Werken der Renaissance verschrieben hat, und Mitglied von SoloVoices, das sich mit zeitgenössischer und experimenteller Musik beschäftigt. Jean-Christophe Groffe hat an zahlreichen Aufnahmen mitgewirkt und ist regelmäßig Gast in Radiosendungen.

Alle Termine

So 21.11.21 17:00
ca. 70 Minuten
ohne Pause

Ermässigungen Abendkasse
0.– Refugees

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